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Fumetto-Symposiumsbericht

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14.05.2024, Update 14.05.2024
6 Min Lesezeit

Lange waren kreative KIs nur ein Thema für Digital- und Medienkunst. Deep Dream, Autoencoder, GANs – man hat von ihnen gehört, sie stellten faszinierende Spielzeuge für Nerds dar, aber ganz sicher keine Gefahr für «ernsthaft» Kreative. Und nun ist plötzlich alles anders, mit Stable Diffusion und GPT und Konsorten. Gerade kochen die Kontroversen hoch, sei es rund um den Streik der Drehbuchschreiber in Hollywood, sei es mit den Klagen gegen OpenAI und Google wegen unrechtmässiger Nutzung von Trainingsdaten. Es geht da nicht nur um Arbeitsbedingungen, es geht auch um Copyrights und um die Beteiligung an den Riesengewinnen, die man mit automatisiert erstellten Texten/Musikstücken/Fotos/Illustrationen wird machen können. Es geht also ganz handfest um die Frage, wie Künstler*innen arbeiten und überleben können, wenn die Maschinen lernen, kreativ zu sein.

Anlässlich des Comicfestivals Fumetto gingen die HSLU und die Turing Agency gemeinsam der Frage auf den Grund, welche Auswirkungen Generative KI auf die Kulturindustrie hat, insbesondere im Bereich Comic/Illustration. Die Fragestellung generierte Interesse: Am Mittwochnachmittag füllten gut 50 Interessierte und Studierende den Hörsaal 055 im Hauptgebäude der HSLU Design Film Kunst in Emmenbrücke. Begrüsst wurde das Publikum von launigen visuellen Kommentaren, live gepromptet von der KI-Künstlerin Pemanagpo, dann fragte Andres Wanner in die Runde, wer schon wie generative Modelle genutzt hat: Wer hat schon eine Email mit KI geschrieben? Wer hat schon einen Text mit KI übersetzt?
Wer hat schon KI bei der gestalterischen Arbeit verwendet? Wer hat schon AI verwendet, wenn er/sie keine Idee hatte? Wer würde das niemals tun? Wer denkt, dass kreative Nutzung von AI reguliert werden soll? Wem hat KI schon den eigenen Stil geklaut?
Es verwunderte nicht, dass bei den meisten Fragen eine stattliche Anzahl Hände in die Höhe gingen. Ausser bei der Frage, wer «das nie tun würde», da blieben alle Hände unten. Das verwunderte vielleicht ein wenig mehr, besonders in Anbetracht der Töne, die in der Folge dann auf dem Panel angeschlagen wurden.

Die beiden Inputreferate bereiteten den Boden für die Diskussion. Anja Sitter berichtete von einem HSLU-Forschungsprojekt, das drei Illustratorinnen und Illustratoren beim Experimentieren mit aktuellen KI-Tools begleitet und die Eindrücke in Interviews aufgezeichnet hat. Das Projekt «Artificial Ideation» untersucht «alternative Methoden für den Einsatz von KI-Technologien, wobei der Schwerpunkt auf der Zusammenarbeit zwischen Menschen und Maschinen liegt und nicht auf dem blossen Ersatz von Kreativen. In drei Fallstudien wird die Leistungsfähigkeit von Text-zu-Bild-Modellen bei der Ideenfindung untersucht, insbesondere in den Bereichen Illustration und Gamedesign.» Die Erkenntnisse waren gemischt: wirkliche Kreativität war aus den KI-Tools kaum «herauszukitzeln», aber im Ideationsprozess kann das Herumspielen mit KI durchaus helfen, gerade weil die Systeme zuweilen noch erratisch funktionieren. Der Glitch, der Fehler, das Unvermögen der Maschinen als kreative Keimzellen also für den Menschen. Wie man als Comic-Autor sehr konkret mit KI arbeiten kann, erläuterte in der Folge der griechisch-belgische Künstler Ilan Manouach anhand seines eigenen Portfolios. Auffällig dabei war, dass sich KI am nutzbringendsten offenbar da einsetzen lässt, wo die Werke einen sehr konzeptionellen Ansatz haben. Manouach erstellt gewissermassen Meta-Comics, und bei der konkreten Umsetzung lässt er sich dabei auch gern von Maschinen helfen (bzw. reflektiert wiederum eben diesen Prozess). Er betonte auch, dass wir Comics im digitalen Zeitalter längst nicht mehr als analoge Autoren-Werke ansehen sollten, sondern als Datenströme, als digitales Material. Insofern seien die Bedingungen geradezu perfekt für eine Verschränkung von menschlicher und maschineller Kreativität.

Das Panel versammelte schliesslich drei Kunstschaffende, eine Vertreterin der Gewerkschaften und einen Philosophen und Kreativitäts-Spezialisten. Orlando Budelacci (HSLU) kam die – wie sich zeigen sollte, eher undankbare – Rolle zu, positive Narrative für die sich abzeichnende Zukunft der generativen Modelle zu finden. Gerade Anna Stahl von syndicom machte deutlich, dass viele Illustratorinnen und Illustratoren in der Schweiz zwar nicht über zu wenig Aufträge klagen können, aber trotz all der Arbeit kaum genug Geld haben um zu überleben. Die Frage, welchen Teil der Kreativarbeit Maschinen bald ebenso gut können werden wie Menschen, hat in einer solchen Lage also einen durchaus bedrohlichen Unterton. Tatsächlich hat noch niemand von den drei kreativ Arbeitenden auf dem Panel eine konkrete Konkurrenz-Situation mit einer Maschine erlebt, aber gerade Ruedi Widmer machte auf die prekäre Lage im Mediensektor aufmerksam und fragte sich, was die nächste Sparrunde wohl bringt. Noch scheint das Bekenntnis zu «menschlicher» Kreativität zu halten, aber wie lange? Als Vorstandsmitglied von Illustratorinnen und Illustratoren Schweiz betonte Flavia Korner auch die Wichtigkeit des Trainings der Modelle und das Problem, dass sich KI-Firmen da oft ungefragt bedienen. Die anschliessende Diskussion mit dem Publikum gestaltete sich überaus lebhaft, nahm dabei aber immer mehr pessimistische Töne an. Droht uns eine grundsätzliche kulturelle Kompetenz verloren zu gehen, wenn Maschinen in Massen durchschnittlich gute Bilder produzieren können und diese den Markt fluten? Angesichts dieses drohenden Bilder-Tsunamis plädierte Budelacci dafür, sich als Kreative des eigenen Know-Hows zu vergewissern und womöglich Ausschau zu halten, wo dieses noch von Nutzen sein könnte, jenseits des konkret Handwerklichen. Fumetto-Hauptgast Elizabeth Pich nahm das gern auf und verwies auf die offensichtliche Unfähigkeit von Maschinen, ein vernünftiges Storytelling hinzubekommen, das bleibt also wohl bis auf weiteres eine menschliche Domäne. Ein Grundeinkommen würde allerdings auch nicht schaden, da waren sich alle im Raum einig. Vielleicht werden wir wieder zu glücklichen Dilettanten, wenn es ökonomisch eh keinen Sinn mehr macht, zum Kunst-Profi zu werden?

Pemanagpo illustrierte/kommentierte das Diskutierte live und zuweilen mit provokativer Spitze. Aber auch da war klar: Der Prompt macht das Bild bzw. die Musik. Und damit der Mensch hinter der Maschine.

Nach dem Apéro ging es stracks weiter zum Abendprogramm-Special im Fumetto-Festivalzentrum. Als Aufwärmrunde für das Zeichnixduell gab es einen Turing Slam – was ist Mensch, was ist Maschine? Hosted by Andreas Storm (Worst Case Scenarios). Es gab Texte und Bilder, manche von Menschen, manche von Maschinen gemacht. Wobei wir bei der Auswahl natürlich darauf achteten, dass die menschgemachten ein wenig wie von Maschinen wirken und umgekehrt die maschinengemachten ein wenig wie von Menschen. Das volle Festivalzentrum-Haus hatte seinen Spass daran, ein ums andere Mal hereingelegt zu werden. Und für die Besucherin, die am öftesten richtig lag (immerhin in 9 von 16 Fällen) gab es einen sehr artifiziell aussehenden, leuchtend pinken Craft-Gin aus lokaler Produktion. Und als kleine Schlusspointe schmuggelten wir Pemanagpo auch noch ins Kandidatenfeld des Zeichnixduells. Sie schied in der ersten Runde aus, den Rest machten die menschlichen Zeichner:innen unter sich aus. Im Moment darf man konstatieren: Die Welt der Illustration ist doch (noch) in Ordnung.